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Die Wildnis und Einsamkeit Alaskas

Hier noch ein Fahrtenbericht, der uns recht anschaulich in die Wildnis und Einsamkeit Alaskas entführt:

Bei einem "Kanada-Treffen" bei Elmar kam uns die Idee, einmal eine Flussfahrt in Alaska zu unternehmen. Volker mit seiner Tochter Sandra, mein Sohn Sven und ich. Nun galt es, diese Fahrt zu organisieren. Besorgung der Verpflegung, Ausrüstung, Kartenmaterial usw.

So ging es in der Tat weiter bis wir im Flugzeug saßen von Frankfurt nach Montreal, von Seattle nach Vancouver, entlang des Yukon über Dawson City - kamen da Erinnerungen auf an Jack London und seine Storys über die Goldgräberzeit - weiter nach Fairbanks in Alaska!

Hier war es schon einsam und klein. Wir suchten und fanden einen Piloten, der uns reinflog in Richtung Brooks Range, der nördlichsten Gebirgskette Alaskas, zum Noatak, einem wilden Fluss, der über 600 km mit 600 m Gefälle nach Westen zum Pazifik fließt. Das Kanu für Volker und Sandra hatten wir uns geliehen, es war an den Schwimmkufen des kleinen Fliegers befestigt; unser Kanu, ein Metzler-Indio, lag im Gepäckraum neben all den Lebensmitteln, die wir uns im FairbanksStore noch geholt hatten.

Unser Pilot war jung und lässig; breites Englisch und theatralische Gestik halfen beim Zielanvisieren, einem kleinen See nahe beim Noatakriver, der zielstrebig und gurgelnd seinen Weg sucht und mehr als eine Erfrischung kalt war. Zweimal musste der Pilot fliegen, bis alles da war, Mannschaft und Gepäck. Er schaukelte mit den Tragflächen, drehte mit röhrendem Motor eine Abschiedsrunde und dann waren wir allein. Ab und zu der Schrei eines Adlers, der damit auf sein Nest aufmerksam machte, das Pfeifen des schneekalten Windes vom gegenüberliegenden Gebirge der Brooks Range, der verhinderte, dass der Noatak nach Norden abdriftete und auf unserer Flussseite, im dichten Gebüsch eine kleine freie Fläche, die wir zum Zeltplatz auserkoren. Gleich daneben ein verblichenes Geweih eines Elchs, der wohl im Kampf gegen einen Grizzly verloren hatte.

Unsere Kinder furchtlos und unbedarft. Sven war im Rausch des Abenteuers auf einmal weg auf Erkundung - irgendwo in der unübersehbaren Gegend von Sträuchern und Büschen; es war ganz schön aufregend, bis er wieder da war. Unsere Sandra sprang beherzt in die Fluten des Noatak, schwamm unserer Landkarte hinterher, die der Wind ergriffen hatte und ins Wasser wehte. Was hätten wir ohne Karte gemacht? Hier war der Lauf des Flusses mit seinen Tiefen und seinem Gefälle verzeichnet, hier waren die Rappids-Stromschnellen vermerkt - der Noatak hat keinen Wasserfall -, hier war die Grundlage für unsere gesamte Planung der Strecken- und Tagesetappen. Die Nächte waren feucht und kalt, der Nebel gefror auf unseren Zelten, die immer dicht beieinander standen. Lebensmittel und Sachen, die unseren Schlafraum einengten, hingen am Ast der Fichte - bärensicher mehr als drei Meter hoch. Immer hatten wir das Gefühl, uns beobachtet einer.

Es dauerte, bis auch das zur Gewohnheit wurde, ohne unsere Wachsamkeit zu verringern. Eines frühen Morgens wurden wir von dem Geheul eines Wolfsrudels geweckt. Uns war unheimlich, auch wenn es weit weg war. Da wir nördlich des Polarkreises waren, machte die Sonne nur einen schwachen Bogen zum Horizont, verschwand nie; so hatten wir 24 Stunden Helligkeit.

Unsere Uhrzeit war am Handgelenk und bestimmte unseren Tagesrhythmus. Die Sonne ließ am Tag Temperaturen von über 20 Grad zu und wir kamen sogar ins Schwitzen. Am Flussufer wurden wir von kleinen und vorwitzigen Erdhörnchen beobachtet, die lustig auf den Hinterbeinen standen, anscheinend über uns "Neulinge" schwatzten und flugs entschwanden, als der Alaskafuchs - den buschigen Schwanz imponierend hochgestellt - vorbeikam, um ihre Höhleneingänge zu kontrollieren.

Was gab es für wunderbaren Fisch. Außer Lachs auch der Artikschar - die Äsche -, die nicht nur beim Fang Spaß machten, sondern auch beim Essen und beim gegenseitigen "Komplimente über unsere jeweilige Kochkunst um die Ohren werfen". Unser Bannok - die Zubereitung hatten wir bei Elmar gelernt - wurde angereichert mit herrlich dicken Blaubeeren, überstrichen mit Honig oder diente einfach nur als Brotersatz in der Wildnis.

Alle Lebensmittel waren in getrocknetem oder pulverisiertem Zustand unsere Essensgrundlage. Wir wollten keine Gläser oder Dosen schleppen. Eines Spätnachmittags legte ein Klepperfaltboot an. Er guter Vierziger, Uniprofessor aus L.A. und seine Frau, eine Krankenschwester. Sie hatten eine Bärenattacke die Nacht zuvor gehabt; das Boot wies noch die tiefen und notdürftig genähten Spuren der Krallen auf. Ihre Vorräte, Mehl, Zucker reichten nur noch wenige Tage. Wir konnten helfen und verbrachten einige wunderschöne gemeinsame Abende am Lagerfeuer mit dem Ergebnis, dass Sven plötzlich die Nützlichkeit seines Englischunterrichtes erkannte.

Der Fluss glich - manchmal träge und scheinbar nicht fließend - einem in die Länge gezogenen See, wenn man bis zur nächsten Biegung gukkte. Dann wiederum schäumte er und lehnte sich gegen uns auf, um uns zu zeigen, dass er uns nicht haben wollte. Vor uns wurde das Wasser weiß und wir beratschlagten, schnell am Ufer angelegt, wie es weitergehen sollte. Volker hatte die glorreiche Idee, mich vorzuschicken, ganz gemäß dem alten Indianerbrauch: übersteht er es, ist es gut, wenn nicht, umtragen.

Ich und dann auch der Rest der Familie haben es überstanden. Nachdem Volker unsere Fahrroute gesehen hatte, kam auch er heil an. Das war ein Gurgeln, Klatschen und Brausen in der Stromschnelle und dahinter ideale Angelbedingungen. Also Zelten! Der Tag war so gut gelaufen und so ein schöner Zeltplatz wartete auf uns. Wir bauten auf, waren fertig und sahen uns um - da war er, der Grizzly, riesengroß und noch weit weg. Schuppte sich im Kraut und sein Kragen leuchtete honiggelb in der Sonne. Er fühlte sich sichtlich wohl, wir aber unwohl, hatte er doch die älteren Rechte. Ohne lange Debatte erkannten wir das Recht des Stärkeren an und bauten 10 km unterhalb dieses ach so schönen Platzes neu auf. Der Eindruck war stark und unsere Gedanken hingen dem eindrucksvollen Kameraden noch lange nach.

Der andere Tag - wir näherten uns schon der Mündung - brachte uns wieder einen kleinen Schrecken ein, denn zehn Bootslängen vor uns tauchte ein dunkler sich über den Fluss bewegender Kopf aus dem Wasser - so jedenfalls nahmen wir es wahr -. Wir dachten: Doch nicht er schon wieder! Wir überlegten schon, wie der Schlag gegen den Kopf vom Boot aus zu führen wäre, wenn ... aber es war zum Glück ein munteres und liebes Stachelschwein, ein Kekarpoui, wie die MontagnaisIndianer es nannten. Man kann einfach nicht glauben, wenn das kleine Ding mit seinen Knopfaugen, seinem schwarzen Schnäuzchen hilflos vor einem hockt, das so etwas einfach erschlagen in der Trapperpfanne landet, weil das Fleisch so gut sein soll.

Der Fluss begann zu mäandern und es hieß aufpassen, wo unsere Fahrrinne verlief, sonst steckten wir fest. Er machte Riesenbögen und stiftete Richtungsverwirrungen; doch ich wusste, dass die Sonne immer linker Hand sein musste und das hieß, dem Fluss folgen - so fanden wir die Siedlung der Eskimos und hörten weit weg schon ihre luftverpestenden Three- und Fourwheeler. Die Zivilisation hatte uns wieder!

H. Eckertz


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