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Oh, Mosella!...eine Herrentour.

"Herrentour"....ein Wort, das besorgten Ehefrauen das Blut in den Adern gefrieren lässt, die mit dem Begriff Ausschweifung und Zügellosigkeit in jeder Hinsicht verbinden, Vorstellungen von orgiastischen Saufgelagen in Gesellschaft lockerer Damen, von Delirien mit unmäßigem Alkohol- und Nikotingenuss, morgendlichem Imbiss in Form von Bier und Wein mit Rollmops, im Gefolge teilweiser bis völliger Verlust aller Reste von Würde und Aufgabe aller Ansätze etwa vorhandener Persönlichkeit. Kurz: die Mutation des braven Mannes und treusorgenden Familienvaters zu einem asozialen, halt- und willenlosen (Un-) Wesen.

Dass es so nicht sein muss, das bewiesen die Männer des Reeser Kanu-Clubs, die am 3. August 1983 zu einer Herrentour aufbrachen, in deren Verlauf die Mosel befahren und die an ihr gelegenen Städtchen und Örtchen mit ihren Sehenswürdigkeiten erkundet werden sollten.

"Sport und Kultur" - unter dieses Motto hatten Willi Terstegen, Konrad Schmidt, Georg Raadts, Otto Köpping, Lothar Heck und - als Gastkanute - Everhard Baumann ihre Fahrt gestellt, die für 4 dieser Gruppe - Georg und Everhard stießen in Kröv dazu - im malerischen Weinort Piesport begann und innerhalb von 4 Tagen über Kröv bis nach Zell führte.

Bevor es am auf die Anreise folgenden Tag mit dem Wasserwandern beginnen sollte, stand den "Herren" nach Aufbau der Zelte am Abend der Sinn nach einem guten Glas Moselwein - wenn man denn schon mal da ist! Doch ach! - tote Hose in Piesport. Statt die Gäste mit einladenden Lokalen, weinseligen Menschen auf den Straßen, Musik und Fröhlichkeit zu erfreuen, hatte man in Piesport die Bürgersteige hochgeklappt, und die durstigen Männer waren froh, als sie noch - wie eine Oase in der Wüste - ein bescheidenes kleines Hotelrestaurant fanden, wo sie ihre von langer Autofahrt und anstrengendem Lagerbau ausgetrockneten Kehlen mit einem kühlen Wein erfrischen konnten.

Man hatte sich die Mosel als munter dahinrauschenden Strom vorgestellt. Um so größer war das Erstaunen, um nicht zu sagen Entsetzen, als wir auf dem Wasser feststellten, dass der Fluss diesen Namen eigentlich gar nicht verdient. Denn Fluss kommt von Fließen und nicht von Stehen, was dieser hier tat - und zwar die ganze Zeit! Bei Gegenwind fuhren wir sogar rückwärts! Und wir ahnten, dass wir die angepeilte Strecke von weit über 100 Kilometern in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht würden bewältigen können.

Die schnellsten Streckenabschnitte waren zweifellos die Bootsgassen neben den Staustufen, die die Mosel im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einem stehenden Gewässer gemacht hatten. Diese befuhren wir mit viel Vergnügen und nicht wenig Mut mit unseren Allround-Booten "Kribbekrupper", "Hoppetosse" und "Bavaria-Amazonas", worüber Otto an Ort und Stelle einen Film mit beeindruckenden Sequenzen drehte. Dieser zeigt in bewegenden Bildern, wozu Menschen fähig sind, wenn sie im Kampf mit der Urgewalt des Wassers schier über sich hinauswachsen.

Bei allem Sport und bei aller Kultur wurden jedoch auch Kontakte mit den in dieser Gegend heimischen Eingeborenen nicht vernachlässigt. So kam es in Kröv zu einer denkwürdigen Begegnung mit einem Gastwirt, vor dessen Haus an der Uferpromenade wir unsere Zelte aufgeschlagen hatten. In seiner Gaststube - siehe Foto - verbrachten wir als einzige Gäste einen feuchtfröhlichen Abend, in dessen Verlauf besagter Wirt uns die Exquisitäten seines Weinkellers vorstellte, denen er selbst am heftigsten zusprach.

Wir waren alle recht aufgeräumt und guter Dinge, und Georg wurde dem Hausherrn gar als praktizierender Priester vorgestellt. Der Wirt hat ihn aber trotzdem nicht mit "Hochwürden" angeredet. Am Ende war der Gastgeber nicht mehr Herr seiner Sinne, und obwohl er uns in seinem Rausch quasi eingeladen hatte, haben wir ihm das Geld für die Zeche, ohne dass er es bemerkte, einfach in seine Hemdentasche gesteckt. Am nächsten Morgen schien er zunächst etwas knatschig zu sein, weil er doch wohl gern bezahlt hätte werden wollen. Seine Miene hellte sich erst auf, nachdem wir ihm den Tipp mit der Hemdentasche gegeben hatten.

Mit pelziger Zunge und schmerzendem Kopf starteten wir die nächste Etappe, und nach einiger Zeit an der frischen Luft auf dem Wasser ging es allen wieder so gut, dass auch wieder ein Schluck Wein schmeckte - wie das Foto mit dem "Genussmittelarrangement" auf dem Süllrand beweist.

Die Fahrt beendeten wir dann in Zell, zum Ersten, weil wir doch meinten, nun genug gepaddelt zu haben, zum Zweiten, weil es angefangen hatte ausdauernd zu regnen und zum Dritten, weil die Zeit einfach rum war. Und so kehrten sechs sportlich gestählte und von den Kulturschätzen des Moseltales zutiefst beeindruckte Kanuten zurück in die Arme ihrer ob der unbeschadeten Rückkehr sehr erleichterten Ehefrauen. Deren gute Erfahrungen und das vorbildliche Verhalten der "Herren" auf dieser Tour haben es ermöglicht, in den 90er Jahren eine ähnliche Veranstaltung im erweiterten Kreis auf der Lahn durchzuführen.

Also, meine Damen, keine Angst vor Herrentouren! Sie kommen immer alle wieder und von "Tourschatten" hat man auch noch nie was gehört!

L. Heck


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