Aktuell
Der Verein
RKC-Jugend
Links
Kontakt
Startseite
Fahrtenprogramm
Geschichte
Fahrtenberichte
Bilder / Videos
Intern
Bernhards Kenterübungen

Von einem der auszog, das Kentern zu lernen Wenn man, wie viele der Jungs und Mädchen, von denen gleich noch die Rede sein wird, ins Kajak geboren ist, dann lernt man Eskimotieren etwa auf die gleiche Weise wie das Laufen.

Irgendwann kann man es einfach und weiß gar nicht so recht wie oder warum. Wenn man aber, so wie ich, in einer Stadt aufgewachsen ist, in der das einzige fließende Wasser aus dem Wasserhahn kommt und in der alles, was größer ist als eine Regenpfütze, die Bezeichnung "Städtisches Freibad" trägt, dann wird das Erlernen einer Eskimorolle zu einem der letzten Abenteuer unserer Zeit.

Ich kam erst spät ans Wasser, nämlich mit 31, als mich das verführerische Antlitz der damaligen Jugendwartin des Reeser Kanu Clubs im Frühsommer des Jahres 1999 an den Niederrhein lockte. Mit gefangen, mit gehangen. Mit der Frau meines Lebens beanspruchte auch der Kanusport seinen festen Platz in selbigem. Was im Sommer eine wunderbare und nicht allzu anstrengende Bereicherung meines Freizeitlebens zu werden versprach, zeigte mir im ersten Winter sein wahres Gesicht. Hinter dem harmlosen Wort Winterausgleichstraining verbarg sich der nackte Kampf ums Überleben.

Die Jugend des RKC, seinerzeit bestehend aus Dominik, Matthias, Benedikt, Torben, Marcel, Christian, manchmal auch Daniela und immer auch Laura, traf sich mit Sandra und einigen für immer jung gebliebenen Veteranen des Vereins jeden Montag in der örtlichen Schwimmhalle. Aber nicht zum Schwimmen! Oh nein: zum Kentertraining! Mir als Kanulaien war es ein unergründliches Geheimnis, warum man das Kentern überhaupt trainieren sollte; war es doch so ziemlich das einzige am Kanusport, was mir bislang auf Anhieb geglückt war. Außer mir schien dieser Gedanke jedoch niemandem ernsthaft Sorgen zu bereiten und darum trafen wir uns also regelmäßig, um unsere gemeinsame Zeit mehr unter, als über Wasser zu verbringen.

Natürlich hatte ich mich, ganz der zukünftige Akademiker, zu Hause gründlich auf die bevorstehende Aufgabe vorbereitet. Dank der Lehrgangsunterlagen des deutschen Kanuverbandes war ich theoretisch in der Lage, eine perfekte Kenterrolle mit geschlossenen Augen - unter Wasser ungemein hilfreich - durchzuführen.

Doch schon mit dem ersten kühnen Versuch stellte sich der sprichwörtliche Unterschied zwischen Theorie und Praxis als unüberbrückbares Hindernis heraus. Es blieb beim Kentern und hätten mich die Jungs nicht rechtzeitig wieder hoch gedreht, ich säße heute noch mit fest geschlossenen Augen kopfüber bzw. unter im Reeser Hallenbad.

Von der Theorie abgeschreckt, verlegte ich mich auf die Praxis. Die nächsten Male schaute ich den Jugendlichen zu, wie sie sich in ihren Booten elegant durchs Chlorwasser schraubten, mal oben mal unten, als wären natürliche Hindernisse wie Schwerkraft oder Wasserwiderstand nur leere Formeln auf einem Blatt Papier. Ich schaute ihnen so lange zu, bis mir schwindelig wurde.

Doch getäuscht durch die lässige Eleganz dieser Bande von Halbwüchsigen fühlte ich mich bald fähig es ihnen nachzutun. Weit gefehlt. Wo bei den Jungs Körper und Boot zu einer sportlichen Einheit verschmolzen, ragten bei mir Arme und Beine aus dem Wasser, wo nie und nimmer welche hätten sein dürfen. Zwar gewöhnte ich mich langsam daran, die Welt des Schwimmbades von unterhalb der Wasseroberfläche aus zu betrachten, doch hatte mich andererseits der Ehrgeiz gepackt. Was Federgewichten wie Benedikt oder Marcel im wahrsten Sinne des Wortes mit links gelang - die Jungs übten schon lange nicht mehr das gewöhnliche Eskimotieren, sondern trainierten frei- oder einhändig für ihren Auftritt bei "Wetten dass?", sollte mir doch wenigsten mit den erlaubten Hilfsmitteln, wie einem zwei Meter langem Paddel, möglich sein. Also wieder ins Boot gestiegen und wieder ins Wasser gedreht und diesmal mit Dominik und Matthias an meiner Seite, um das Paddel zu führen und mir den rechten Weg aus den Tiefen des Beckens zu weisen.

"Der Weg ist das Ziel"
war mein letzter klarer Gedanke, bevor ich das Paddel nach unten zog und meinen Oberkörper nach hinten legte, um in einem wenig eleganten jedoch effektiven Bogen mich selbst und mit mir das Boot aus dem Wasser zu wälzen. Baron Münchhausen kann nicht erstaunter gewesen sein, nachdem er sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hatte, als ich es nun war. Dominik und Matthias grinsten mir zu, aber sie hielten ihre Hände in die Luft, zum Zeichen, dass sie mir nicht geholfen hatten. Ich hatte es tatsächlich allein geschafft. Meine erste Eskimorolle war vollbracht und ich atmete noch.

Heute blicke ich mit Wehmut auf d i e Zeit des Winterausgleichstrainings. Weitere unzählige Male hatte ich nach dem ersten Erfolg d e n Dreh durchs kalte Wasser gewagt und es sogar zu einiger Eleganz dabei gebracht. Selbst das Eskimotieren ohne Paddel war mir Dank der engelsgleichen Geduld meiner jugendlichen Ausbilder schließlich geglückt.

Doch wie das Leben so spielt: kaum war mir das Kanutendasein ans Herz gewachsen, da war mein Gastspiel am Niederrhein auch schon wieder vorbei. Noch einmal zog es mich in die Arme meiner Liebsten und ich folgte ihr vom Niederrhein ans Ijsselmeer.

Die Jugendlichen des RKC verloren ihre Betreuerin und ich verlor das Winterausgleichstraining. Zwar gibt es hier, wo das Festland langsam zu Ende geht, noch mehr Wasser als dort, wo der Rhein über die Grenze fließt, doch an kalten Wintertagen schraube ich mich nun nicht mehr elegant mit Boot und Hand durch die chlorreichen Wellen, sondern ich spaziere höchstens einmal übers Eis nach Hause. Dann sitze ich abends mit Sandra und Laura am Kamin, den glasigen Blick ins Feuer gerichtet, und wir freuen uns auf den Sommer, in dem Dominik, Matthias, Benedikt, Torben, Marcel, Christian und vielleicht auch Daniela über Rhein, Maas und Ijsselmeer zu uns nach Enkhuizen gepaddelt kommen.

B. André


zurück